Freitag, 24. Oktober 2014

Afghanistans First Lady: Rula Ghani


Afghanistan ist immer für eine Überraschung gut. Zum ersten Mal in der afghanischen Geschichte ist die Ehefrau eines Staatspräsidenten keine Afghanin, sondern eine libanesische Christin. Zum ersten Mal seit 30 Jahren ist die Frau eines afghanischen Staatschefs in der Öffentlichkeit zu sehen. Zum ersten Mal dankt ein afghanischer Staatspräsident in der Öffentlichkeit seiner Frau für ihre jahrelange Unterstützung.
Rula Ghani hat sich auf die Fahne geschrieben, afghanische Frauen zu unterstützen, dass sie mehr Gehör, Respekt, Bildung und Eigenständigkeit in der Gesellschaft finden. Sie hat hierfür bereits ein Büro im Präsidial-Palast, dem sogenannten Arg, eröffnet. Sie möchte das Gehör der afghanischen Frauen sein und deren politischen Forderungen an ihren Mann weitergeben.
Rula traf Ashraf Ghani zum ersten Mal Anfang der 70iger, wo sie beide an der Amerikanischen Universität in Beirut Politikwissenschaften studierten. Rula Ghani war zuvor an dem renommierten Politischen Institut in Paris, wo sie sich den studentischen Protestbewegungen der 68iger angeschlossen hatte. Als sie in den Libanon zurückgekehrt war, ging sie in den Süden des Landes schloss sich einer freiwilligen Gruppe an, um die Schulen zu bauen.
Nachdem Ashraf sein Studium abgeschlossen hat, kehrte er 1974 zurück nach Kabul. Sie  begleitete ihn, um seine Heimat kennenzulernen. Die Eltern von Rula hatten Bedenken, ihre Tochter in ein fremdes Land zu lassen und so lud Ashraf Ghani ihren Vater in das berühmte Inter Continental Hotel ein. Die Familie von Ashraf Ghani fuhr von der nahe gelegenen Stadt Jalalabad nach Kabul, damit die Familien sich begegnen – so wie es traditionell Brauch war. Ihr Vater gab schließlich seinen Segen zur Hochzeit und so blieben die beiden bis 1977 in Kabul. In diesem Jahr erhielt Ashraf Ghani ein Masterstudiengang-Stipendium an der Columbia University. Als 1979 die rote Armee in Afghanistan einmarschierte, blieben beide in den USA.
Rula Ghani spricht inzwischen fließend die Landessprache Dari.
Rula und Ashraf Ghani haben eine Tochter (Mariam, 36 Jahre) und einen Sohn (Tarek, 28 Jahre).
David Majed, Kabul

Hier ein Foto von Rula Ghani und ihrem Mann:

http://www.nbcnews.com/news/world/will-afghan-leader-ashraf-ghani-bow-pressure-hide-his-wife-n210331

Sonntag, 28. September 2014

Anahita Ratebzad - Erinnerungen an eine starke afghanische Frauenrechtlerin und Politikerin





Anahita Ratebzad, Kabul zu Beginn der 1980er


Anahita Ratebzad wurde wahrscheinlich im Jahre 1930 in der Nähe von Kabul geboren. Sie besuchte bis 1947 das Malalai-Gymnasium in Kabul. Sie erhielt dann ein Stipendium von der Chicago School of Nursing. Nach ihrer Rückkehr aus den USA leitete sie den Krankenpflegedient im Kabuler Frauenkrankenhaus. 1957 schrieb sie sich als Medizin-Studentin an der Kabuler Universität ein. 1963 schloss sie ihre Promotion mit Dr. med. ab. Damit war sie eine der wenigen Ärztinnen landesweit. 

Nach ihrem Studium widmete sie sich voll und ganz der Politik. 1965 erhielten die afghanischen Frauen zum ersten Mal das aktive und passive Wahlrecht. Sie stellte sich zur Wahl und wurde in das afghanische Parlament gewählt. Frauenförderung, Bildung für Alle und soziale Gerechtigkeit lagen ihr sehr am Herzen.  
Sie gründete die Demokratische Frauenbewegung, die sich in der männerdominierten Gesellschaft für die Stärkung der Rechte der Frauen einsetzte.


Kabul, Ende der 1970er


Kabul, Anfang der 1990er
Nach der Machtübernahme durch die kommunistischen Parteien 1978 wurde sie zur  Sozialministerin ernannt, danach war sie viele Jahre Bildungsministerin. Mit ihrer Unterstützung wurde erreicht, dass - zumindest in den Städten - Frauen in der Gesellschaft, in der Politik und in der Berufswelt gleichberechtigt behandelt wurden. Eine ihrer Errungenschaften war die Schaffung des Frauenministeriums, das bis heute besteht.

Nach dem Sturz der Sowjetunion 1992 verlor das kommunistische Regime den Kampf gegen die moslemischen Mujaheddin. Anahita Ratebzad floh zunächst nach Russland blieb bis 2001. Sie reiste 2001 in die Bundesrepublik ein und lebte bis zum ihren Tod in Deutschland.

Anahita Ratebzad war mit einem Hochschullehrer verheiratet und hatte drei Kinder.

Dr. Ratebzad, die wohl die einflussreichste Frau des 20. Jahrhundert in Afghanistan, hat am 07.09.2014 für immer die Augen geschlossen. 
Am 17.09.2014 wurde sie auf dem Kabuler Friedhof beerdigt.

Freitag, 12. September 2014

Bamyan: Buddhas, Berge und ein Festival

Bamyan als Buddhistisches Zentrum 




Die afghanische Provinz Bamyan wurde von der SAARC (South Asian Association for Regional Cooperation) als kulturelle Hauptstadt 2015 auserkoren.
SAARC-Mitgliedsstaaten sind Nepal, Indien, Bangladesch, Butan, Sri Lanka, Malediven, Afghanistan und Pakistan. Das offizielle Programm beinhaltet Kunstausstellungen, Folkloretänze und Musik, Bazare mit Handwerkskunst sowie ein Literatur- und Filmfestival. Zudem gibt es Wettbewerbe im Essays-Schreiben und Malen. Abends wird das Buddha-Night-Festival gefeiert.

In dieser Aushöhlung oder Nische standen einst die beeindruckenden Buddhastatuen. Die größere der Skulpturen wurde als Dikampra bezeichnet, von den Einheimischen Khonuk But und auf Persisch hieß sie Solsol, was so viel bedeutet wie "Licht erfüllt das Universum"

Das Fest beginnt im Januar 2015, also im kalten Winter. Das Bamyan-Tal befindet sich im Herzen Afghanistans auf einer Höhe von 2500 Metern, sodass die Besucher die Möglichkeit haben, dort auf schneebedeckten Bergen Ski zu fahren. Bamyan war schon in der Antike durch seine Lage begünstigt; es befindet sich an einer der Haupthandelsrouten, die das „Abendland“ mit China und Indien verbinden, der berühmten Seidenstraße. Es diente als Zwischenstopp und Haltestelle für Handelskarawanen und entwickelte sich zu einer bekannten künstlerischen Stätte. Alexander der Große soll mit seinen Truppen über Bamyan nach Indien marschiert sein.

Außerdem wurde es über Jahrhunderte zu einem großen buddhistischen Zentrum. Zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert n. Chr. entstanden entlang der damaligen Handelsrouten eine Reihe buddhistischer Orte - Stupas, Tempel und Klosterstätten. Diese buddhistische Kunst wurde wesentlich durch die früher weiter südlich entstandene Gandhara-Kultur und die indische Gupta-Kultur beeinflusst, wobei das Ergebnis dieser kulturellen Synthese in seiner Art einzigartig war.
Das bewundernswerteste Zeugnis aus dieser Zeit sind die beiden 53m und 35m hohen, stehenden Buddha-Statuen, die jedoch im Sommer 2001 von den Taliban zum größten Teil geprengt worden sind.

Hier sieht man die Überreste der Sprengung

Rund um die Figuren waren Gänge und Galerien in den Fels gehauen und Hunderte von Gebetshallen und Wohnhöhlen angelegt worden, die teils mit reichhaltigen Wandmalereien verziert waren. Dort lebten buddhistische Mönche.
Die Zahl der gegenwärtig in Bamyan vorhandenen Höhlen wird auf etwa 1000 geschätzt. Einige der Wandmalereien wurden als die ältesten bekannten Gemälde der Welt identifiziert.

Die schiitischen Hazara, ein friedfertiges Volk, bevölkern die Provinz. Übrigens regierte dort von 2009 bis 2013 eine Frau als Gouverneurin – Habiba Sabari: die einzige in ganz Afghanistan!
Die Landschaft ist einzigartig schön! Sie ist von Gebirgen und großzügigen Landschaftsebenen umgeben. In Bamyan befinden sich sieben Seen, der bekannteste und schönste unter ihnen ist der tiefblaue Bande-Amir.
David Majed, Kabul

Eine der Höhlen

Copyright: Die Fotos wurden uns freundlicherweise von Ludmilla Khodai zur Verfügung gestellt; herzlichen Dank dafür!
ludmilla298@gmail.com

PS: Französische Archäologen hatten begonnen, die zersprengten Teile der Buddha-Statuen wieder zusammenzufügen. Zur Zeit ruht diese Arbeit, doch die Hoffnung besteht, dass eines Tages - wenn das Land sicher geworden ist - die Buddha-Statuen wieder aufgebaut werden können.

Freitag, 4. Juli 2014

Lyrik von Omar Chajjam



In mir ist beides: Himmelreich und Hölle.
In mir ist Gott und Teufel, Lust und Qual.
Ich bin das Meer, ich bin die Quelle,
Ich bin der Leichnam, ich bin der Schakal.

Ich bin von einer Nacht zum Morgen wieder
Der leichte, lose Junge, der ich war.
Ich trage wie im Tanze meine Glieder,
Und Frühlingswinde rauschen durch mein Haar.


Zwei so unterschiedliche Verse, zwei so verschiedene Stimmungen: in den Rubbajat genannten Vierzeilern des Dichters Omar Chajjam, den hier der deutsche Dichter Klabund (1890 - 1928) frei übertragen hat, findet sich die ganze Spanne menschlicher Regungen. 1916 kam Klabunds Band mit Nachdichtungen heraus.
Chajjam selbst lebte von 1048 bis 1131 in Nischapur, er war Mathematiker, Astronom und einer der bedeutendsten persischen Dichter.
Faruq, der Lehrer, der an Mahboobs alter Schule unterrichtet und sich mit seinem ehemaligen Schüler anfreundet, macht ihn auf diesen Dichter aufmerksam.
In einen eigenwilligen Dialog tritt Mahboob mit dem Dichter, wenn er über sein Schicksal nachdenkt. Hinter der Nüchternheit und Skepsis Chajjams verbirgt sich eine Haltung, die ein wenig an die europäischen Aufklärer erinnert: Dem Himmel ist nicht zu trauen, immer wieder überrascht er den Menschen mit ungeahnten Wendungen. Chajjams Appel an den Menschen lautet daher: seinen eigenen Kopf zu benutzen, wachsam zu sein, auch dankbar der Schöpfung gegenüber, indem er sich am Leben erfreut.

Laßt uns die Segel nach den winden hissen
Und achtet auf der Möven Flug!
Sie ahnen nicht, sie wissen ...
Und ihnen dünkt ihr weißes Sein genug ...


Die Übersetzung Klabunds entnahm ich der sehr schönen bibliophilen Ausgabe des Roland-Verlags München von 1921 (1. Auflage 1917), mit Illustrationen von Willy Orth. 




Montag, 16. Juni 2014

Stichwahlen in Afghanistan

Am Samstag, den 14.06.2014 haben die Afghanen in einer Stichwahl ihren neuen Staatspräsidenten gewählt, der Hamid Karzai nach 13 Regierungsjahren folgen wird. Abdullah Abdullah und Ashraf Ghani treten gegeneinander an, zwei Kontrahenten, die gegensätzlicher nicht sein können: Diplomat gegen Technokrat, Akademiker gegen Charismaten, Traditionalist gegen Modernisierer. Abdullah wird die besten Chancen auf den Einzug in den Arg (Präsidentenpalast) eingeräumt, weil er im ersten Wahlgang 44% der Stimmen erhielt, während Ghani mit 33% den zweiten Platz belegte. Diese Stichwahl ist als eine Stärkung der jungen Demokratie zu bewerten, denn zum ersten Mal in der afghanischen Geschichte wird die  Staatsmacht aufgrund von freien Wahlen übergeben.
Doch wer sind eigentlich Abdullah Abdullah und Ashraf Ghani?

http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AAshraf_Ghani_Ahmadzai_in_July_2011-cropped.jpg

Abdullah Abdullah (geb. 1960 in Kabul) war Sprecher des legendären Widerstandsführers Ahmad Shah Massud, der gegen die sowjetische Besatzung und das barbarische Regimes der Taliban kämpfte. Er gehört zu der Mujaheddin-Allianz. Abdullah war von 2001 – 2005 Außenminister und gilt als umgänglicher Staatsmann, der eine ausgleichende Politik sucht.  Seine Wählerschaft kommt überwiegend aus dem Norden des Landes, wo die meisten Tadjiken leben. 

http://www.google.de/imgres?imgurl=http://assets.rappler.com/612F469A6EA84F6BAE882D2B94A4B421/img/9F743A9A7850455B8C021E09B6125577/afghanistan

Ashraf Ghani (geb. 1949 in Logar) ist ein früherer Weltbank-Ökonom, war einer der Architekten der Bonner Afghanistan-Konferenz und wurde später afghanischer Finanzminister (2002- 2004). Ashraf Ghani gilt ein Technokrat, der nicht gewillt ist, über seine politischen Positionen zu verhandeln, und verfügt über starke Durchsetzungskraft. Seine Wählerschaft liegt bei den Reform orientierten Afghanen und in den paschtunischen Gebieten in Süden und Südosten des Landes. Ashraf Ghani verließ 1977 das Land, promovierte an der Columbia-University (USA) und kehrte nach dem Sturz der Taliban nach Afghanistan.  Insgesamt bleibt spannend, für welche Persönlichkeit und Politik sich das afghanische Volk entscheidet.
David Majed, Kabul

Dienstag, 10. Juni 2014

Ein Sportwagen im Schnee in Kabul



Sher Ahmad, Mahboobs Vater, ist ein großer Liebhaber westlicher Autos. Jedes Mal, wenn er - als Mahboob klein war - für seinen Minister nach Deutschland fliegen musste, überführte er auf dem Rückweg ein Auto nach Kabul. Die Strecke über Land war weit - sechstausend Kilometer - und gefährlich, aber es machte ihm Freude.
Wir sehen hier das Vorbild für diese Leidenschaft, Davids Vater, in den Siebzigern, in einem seiner Lieblingsautos, einem Karmann Ghia, etwa 1974, im Schnee in Kabul. In vielen anderen Aspekten unterscheiden sich Davids und Mahboobs Vater allerdings gewaltig. So war Davids Vater mit der Familie zusammen ausgewandert, im Jahr 1984. Mahboob und seine Mutter fliehen bereits 1979, im Herbst, wenige Wochen vor der Invasion durch die Sowjetunion.